Wenn der Rettungsdienst die Schuhe ausziehen soll: Interkulturelle Öffnung

01.09.2014

Notruf aus einer Moschee: Ein Mann ist zusammengebrochen. Arzt und Sanitäter treffen ein – doch sie werden nicht hineingelassen.

Erst sollen sie sich die Schuhe ausziehen, verlangen die anwesenden Gläubigen. Das Tragen der Schuhe aber ist Vorschrift für den Rettungsdienst und für Diskussionen bleibt keine Zeit. „Das ist vorgekommen“, sagt Hauptbrandmeister Jens Kühn von der Kasseler Rettungsleitstelle, „und für solche Situationen sind interkulturelle Trainings total wichtig.“ Gemeinsam mit 40 Kollegen hat Kühn in den vergangenen zwei Jahren an Fortbildungen des „Veris“-(Verwaltungen interkulturell stärken)Projekts des DGB Bildungswerk teilgenommen. Die Stadt Kassel ist eine von bundesweit drei Gebietskörperschaften, die am Veris-Projekt beteiligt sind.

Aussiedler eingerechnet liegt der Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund in Kassel bei 35 Prozent. Zunehmend werden Notrufe auch in anderen Sprachen abgesetzt, sagt Kühn. „Wir sprechen aber kein Türkisch. Dann ist es schwer, herauszubekommen, was los ist. Das müssen wir aber wissen, um zu entscheiden, welches Rettungsmittel wir schicken.“

Interkulturelle Trainings helfen, Gesprächssituationen mit sprachlichen Hürden besser zu meistern. Und auch das, was danach kommt: „Es passiert, dass migrantische Mitbürger einen Notruf absetzen und danach alle zwei Minuten anrufen und fragen, wo der Rettungswagen bleibt.“ Das sei für die Mitarbeiter der Leitstelle lange „nicht nachvollziehbar gewesen“, sagt Kühn. „Für uns ist klar: Wenn gesagt wird, der Wagen kommt, dann kommt er auch.“ Doch das ist eben nicht überall so. „In den Herkunftsländern vieler Migranten ist keineswegs klar, dass der Rettungswagen auch wirklich kommt. Dass muss man erstmal verstehen. Und dann geht man mit solchen Anrufen ganz anders um.“

Die Kompetenzen der Beschäftigten im Umgang mit kultureller Vielfalt erweitern und Veränderungsprozesse in Verwaltungen begleiten – das ist das Ziel des Veris-Projekts. Für Kühn waren die Fortbildungen für den Arbeitsalltag „absolut sinnvoll“, sagt er. „In einer der Situation wie der in der Moschee hilft es natürlich, wenn man ein Verständnis der anderen Kultur hat. Dann fällt einem in so einer Lage vielleicht ein, dass im Wagen immer Überzieher für die Schuhe liegen.“

Weitere Informationen:

www.arbeiteninvielfalt.de 

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration September 2014" entnommen.